Neuen Mut finden, aber auch sterben lassen
Die Palliativstation des Gertrudis-Hospitals gibt Menschen die Möglichkeit, mit ihrer schweren Krankheit neuen Mut finden, aber auch sterben lassen
Ich möchte wieder nach Hause. Und ich hoffe doch, dass ich mit unserem Hund wieder in den Wald gehen kann", sagt Elke Eickmeier. Die Krebs-Metastasen in ihren Knochen hatten zu einem Bruch des Beckens geführt. Vier Wochen lag sie in einer chirurgischen Station. Dann musste sie raus. Und sie wollte raus. Aber für eine Rückkehr in die eigenen vier Wände war es zu früh. Nun liegt sie in einem der drei Zimmer der Abteilung für Palliativmedizin im Gertrudis-Hospital.
"Palliativmedizin bedeutet, Menschen kurzfristig zu helfen, deren Krankheitssymptome zu Hause nicht mehr zu überblicken und zu handhaben sind", erklärt Dr. Anette Borchert, die leitende Palliativmedizinerin an dem Westerholter Krankenhaus. Sie hat die Station, die 2007 ihren Betrieb aufnahm, mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgebaut. Und seither sieht sie jeden Tag schwerstkranken Menschen ins Gesicht. Wie Elke Eickmeier. Wissend, dass sie ihnen keine Heilung mehr versprechen kann. Nur Linderung. Wobei sie das Wort "nur" vermeidet: "Denn auch in einem solchen Stadium ist noch einmal ein deutlicher Zugewinn der Lebensqualität möglich. Das ist es, was wir erreichen wollen."
Während ihres zweiwöchigen Aufenthaltes in der Palliativstation feiert Elke Eickmeier ihren 60. Geburtstag. Da will man optimistisch sein. Im "Zimmer mit Meerblick", wie es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liebevoll nennen, herrscht wohnliche Atmosphäre. Fische hängen an Mobiles. Die Wände verbreiten ein dezentes, maritimes Blau. Zu Gast sind ihr Mann und eine gute Freundin, die wie sie selbst vor acht Jahren Brustkrebs hatte. "Bei ihr kam der Krebs nicht zurück. Bei mir brach er sechs Jahre später wieder aus", sagt Elke Eickmeier. Ein Schicksalsschlag.
Eigentlich wollte Sie erst mit 80 auf einen Rollator angewiesen sein. Jetzt ist ihr klar, dass es nicht mehr ohne geht. "Es kann auch helfen, sich seine Krankheit einzugestehen", sagt sie. Im Gertrudis-Hospital tankt sie bei klarer Sicht der Dinge wieder Lebensmut. Der war ihr nach den vier Wochen in der Chirurgie eines anderem Krankenhauses verloren gegangen. "Da wurde ich depressiv", denkt sie ungern zurück. Dort fehlte einfach die Zeit, sich um ihre Seele zu kümmern. Erst stand die Stabilisierung des Knochens im Vordergrund. Dafür wurden Medikamente und Apparate benötigt. Jetzt benötigt die Oer-Erkenschwickerin Ruhe, Zuwendung und gezielte Aufbauarbeit.
Die Logopädin Gunhild Knopp besucht sie zweimal am Tag wegen einer Gesichtslähmung. Sie massiert ihr mit einem kühlen Tuch die Schwellung im Gesicht, so dass sie jetzt schon viel besser sprechen kann. Der Krebs sitzt überall. Elke Eickmeier weiß das. Immerhin ist das Wachstum der Tumore nach der letzten Chemotherapie zum Stillstand gekommen. Jetzt steht die nächste Behandlungsperiode an.
Wie krank sie ist, will sich ihr Mann nicht eingestehen. "Der war geschockt, als ich in die Palliativstation verwiesen wurde. Aber hier geht es mir gut. Immerhin das sieht er ein." Zu schnell wird Palliativmedizin mit Sterbemedizin gleichgesetzt. "Deshalb arbeiten wir auch intensiv mit den Angehörigen. Sie, der Patient und wir als Personal sind ein Team", nennt Dr. Anette Borchert den Anspruch. Natürlich sei der Tod hier nichts Außergewöhnliches, fügt sie hinzu. 23 Prozent der Patienten, die sie in den drei Zimmern aufnimmt, sterben hier. "Und wir lassen sie sterben", fügt die Ärztin hinzu. "Wenn sie das in Frieden können und medizinisch keine Verbesserung des Zustandes mehr möglich ist, ist es auch das, was wir zulassen und wollen."
Noch als sie in den 80er und 90er Jahren Medizin studiert habe, sei der Tod von vielen Lehrenden mit einem Versagen der Medizin gleichgesetzt worden. "Aber wir werden nun einmal immer älter. Und je älter die Menschen werden, desto häufiger sind Krankheiten auch unheilbar', sagt die 45-Jährige. Aus der Erfahrung ihrer Arbeit heraus fügt sie hinzu: "Wenn eine Heilung nicht möglich ist, ist die ärztliche Kunst nicht am Ende. Sie ist nur eine andere."
Keine Fallpauschalen für Palliativmedizin
Das Gertrudis-Hospital hat ein christliches Leitbild. Als katholisches Krankenhaus von der Stadt Herten mit den Schwestern der hl. Maria Magdalena Postel gegründet, gehört es heute zu dem Verbund Katholisches Klinikum Ruhrgebiet Nord (KKRN). Und wie jedes Krankenhaus muss sich auch das Gertrudis-Hospital dem immer enger werdenden Wettbewerb stellen. Die Krankenkassen setzen Fallpauschalen zur Operation und Behandlung von Leistenbrüchen und Darmverschlüssen an. Auch die werden in Herten-Westerholt behandelt. In der Palliativmedizin aber gibt es keine pauschalierten Fälle.
"Wir sehen den Menschen und das was ihm gut tut", sagt Dr. Anette Borchert. "Als katholisches Krankenhaus war es uns ein Anliegen, diese Station einzurichten. Und das haben wir aus eigener Kraft getan." Genehmigt werden nur 13 Betten für eine Millionen Einwohner. Im Kreis Recklinghausen gab es schon acht für 300.000, also für die Krankenhausgeseilschaften keinen Bedarf. Obwohl Studien 30 bis 50 Betten pro Million für sinnvoll halten. "Und die Anfragen zeigen ja, wie nötig das ist", sagt die Oberärztin. Die Krankenkassen finanzieren nicht immer den gesamten Aufenthalt in der Station. Wo wäre Elke Eickmeier ohne diese Abteilung geblieben? Weiter in der Chirurgie? Oder im Hospiz? "Das wäre nicht das richtige Umfeld, um noch einmal Kraft zu schöpfen", weiß Dr. Anette Borchert. Hier darf Elke Eickmeier über das Sterben nachdenken. Aber sie darf auch davon träumen, mit ihrem Hund bald wieder in den Wald zu gehen...
Sterbekonzept der Geriatrie führte zur Palliativeinheit
Seit Ende 2007 gibt es die Palliativeinheit am Gertrudis-Hospital. Darin arbeitet ein speziell ausgebildetes Team, bestehend aus Ärzten, Pflegekräften, Therapeuten, Psychologen, Seelsorgern und Sozialarbeitern. Die Abteilung verfügt über zwei Zweibett- und ein Einzelzimmer. Sie sind wohnlich eingerichtet und sollen sich bewusst von einer typischen Krankenhausstation unterscheiden. Über den eigens gegründeten Förderverein gehen zahlreiche Spenden ein, die wir in die Ausstattung und auch in zusätzliches Personal investieren, erläutert die leitende Oberärztin Dr. Anette Borchert. So gibt es auf der Station auch eine kleine Küche, wo spät abends schon einmal Bratkartoffeln gemacht werden können, wenn ein Patient Appetit darauf hat. Ebenso gibt es flauschige Sofas und viel Farbe durch bunte Wände, Bilder und Blumen. Dr. Anette Borchert arbeitet bereits seit 1992 am Gertrudis-Hospital und seit acht Jahren als leitende Oberärztin in der Geriatrie. Schon in dieser Abteilung für Altersmedizin gab es auf der Basis des christlichen Leitbildes immer ein Sterbekonzept, erklärt die 45-Jährige. Der Aufbau einer eigenen Palliativeinheit leitete sich daraus ab. Im Zuge des Umbaus wurden dafür Räume in dem Altbau frei. Der liegt etwas abgelegen, aber das ist für diese Station genau richtig, sagt die Ärztin. Zugewiesen werden die Patienten entweder aus anderen Krankenhäusern oder vom Hausarzt. Ein Grund dafür liegt vor, wenn die Pflege zu Hause nicht mehr möglich oder der Verbleib in einer anderen medizinischen Fachabteilung eines Krankenhauses nicht mehr sinnvoll ist. Krankheitssymptome sind oft große Schmerzen, Appetitlosigkeit oder Atemnot. Bei den meisten Patienten handelt es sich um Tumor-Kranke. 220.000 Millionen Menschen sterben in Deutschland jährlich an Krebs. Nur 45 Prozent können dauerhaft geheilt werden. Oft führt bei solch schwerwiegenden Erkrankungen auch der Zusammenbruch eines sozialen Netzwerkes zu der Aufnahme in die Palliativstation.
Mehrere Pflegefachkräfte haben sich vor dem Aufbau der Station in einer 160 Unterrichtseinheiten umfassenden Weiterbildung für die Palliativ-Care qualifizieren lassen. Wir alle arbeiten eng zusammen und tauschen uns auch über Erlebnisse und Erfahrungen aus, sagt Dr. Anette Borchert.
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